Interview - Beziehungsfähigkeit -
- Christine Brenner
- 8. Jan.
- 4 Min. Lesezeit


Frage:
Christine, du begleitest seit über 25 Jahren Paare, Familien und Einzelpersonen. Wenn du „Beziehungsfähigkeit“ in einem Satz beschreiben müsstest – wie würdest du es formulieren?
Es geht darum in zwischenmenschlichen Beziehungen wirksam zu handeln, Bindung aufzubauen und aufeinander zu reagieren.
Beziehungsfähigkeit ist die Fähigkeit emphatisch, kooperativ und verantwortungsvoll mit anderen in Interaktion zu treten.
Frage:
Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Merkmale einer wirklich guten und erfüllten Beziehung?
Das ist schwer zu beantworten, weil das jeder Mensch oder jedes Paar individuell erlebt.
Für die einen ist eine gute Kommunikation sehr wichtig, für die anderen eine liebevolle Sexualität, die nächsten ein gutes Team zu sein. Das hängt natürlich auch vom Alter ab, von der Art der Beziehung, ob Freundschaft oder Liebespaar, ob es gemeinsame Kinder gibt, wie alt diese sind, weitere Lebensumstände…
Ich erlebe in der Praxis mehrere Merkmale, die wichtig sind.
z.B. klare, gute Kommunikation, der Umgang mit Gefühlen, Konfliktlösungskompetenz, Perspektivenwechsel, Kooperationsfähigkeit, verlässliche Bindung sowie Autonomie
Frage:
Welche Faktoren sind entscheidend dafür, dass Beziehungen langfristig stabil bleiben?
Kennst Du John Gottman? Er ist ein amerikanischer Psychologe, Paartherapeut und Forscher. Er hat mit seiner Frau über Jahrzehnte Paarbeziehungen erforscht und er kam auf eine Konstante.
Die Gottman-Konstante, auch bekannt als die 5:1-Regel, besagt, dass in stabilen und zufriedenen Beziehungen das Verhältnis von positiven zu negativen Interaktionen mindestens 5 zu 1 betragen muss. Das bedeutet, dass für jede negative Interaktion (wie Kritik oder Verachtung) fünf positive Interaktionen (wie Zuneigung, Wertschätzung und Aufmerksamkeit) notwendig sind, um eine Beziehung langfristig glücklich zu halten.
Diese Konstante lässt sich auch auf andere Beziehungen wie die Eltern- Kind Beziehung oder eine Arbeitsbeziehung übertragen.
Welche drei Dinge sind deiner Erfahrung nach unverzichtbar?
Es gibt da sicherlich mehr als drei Dinge aber wenn ich mich festlegen müsste würde ich:
Kommunikation
Umgang mit Gefühlen und
Konfliktlösungskompetenz nennen
Frage:
Beziehungsfähigkeit wird viel diskutiert. Was bedeutet dieser Begriff für dich persönlich?
Welche inneren Qualitäten braucht ein Mensch, um echte Nähe leben zu können?
Der Mensch braucht ein gutes Gleichgewicht zwischen Autonomie und Bindung.
Das heißt, ich kann gut mit mir sein, spüre mich, habe eigene Interessen/ Hobbies, verfolge diese auch, kann mich im Guten abgrenzen und
ich kann Vertrauen aufbauen, habe eine Verlässlichkeit und Kontinuität, kann Nähe zulassen.
Frage:
Heute spüren viele Menschen den Wunsch nach Beziehung und gleichzeitig große Unsicherheiten. Was sind typische Blockaden oder Muster, die uns von Nähe fernhalten?
In Beziehung sind es sehr stark, Schuldzuweisung, Vorwürfe, Rückzug, das Ignorieren von Bedürfnissen, wiederkehrende Eskalationen, mich nicht verstanden fühlen, mangelnde Kommunikation, mangelnde Zeit miteinander außerhalb von Todos und Alltag.
Der extreme Druck unter dem viele Menschen heute stehen verhindert oft gut in Beziehung gehen zu können. Beziehung lebt von Gefühlen und Gefühle brauchen Zeit und Raum, das geht nicht schnell, schnell und hopp zum nächsten Punkt.
Frage:
Wie stark hängt unsere Fähigkeit, mit anderen in Beziehung zu gehen, davon ab, wie wir mit uns selbst verbunden sind?
Es hängt natürlich sehr eng zusammen. Wir Menschen sind soziale Wesen, Beziehungswesen von Geburt an. Wir sind am Anfang unseres Lebens absolut abhängig und wir fühle uns eins mit unserer engsten Bezugsperson, meist die Mutter oder der Vater. Unsere Beziehungsfähigkeit ist stark geprägt von unseren frühkindlichen Erfahrungen, die wir in der Beziehung mit unseren ersten Bezugspersonen machen.
Wie gut wurden meine psychischen Grundbedürfnisse nach Bindung, also Zugehörigkeit, Automomie/Kontrolle, Selbstwerterhöhung und Lustgewinn befriedigt.
Wenn es in dieser Phase Verletzungen gab, werden diese in späteren Beziehungen im Erwachsenenalter oft wieder aktiviert, getriggert. Das verhindert oft Nähe und Beziehung.
Da kann es dann hilfreich sein genauer hinzuschauen und da wo nötig zu heilen.
Frage:
Wo beginnt echte Beziehungsarbeit?
Da wo ich wirklich bereit bin zuzuhören, mir selbst, also in mich selbst reinzuhören und meinem gegenüber. Da wo ich mich öffne für Reflexion und gegeben falls, wenn wir es nicht zusammen schaffen unsere Unstimmigkeiten zu lösen mit Hilfe. Ob das Freunde sind, oder eine fachliche Beratung. Übrigens bin ich der Meinung, dass wenn einer in der Beziehung ein Problem hat, dann haben WIR ein Problem.
Frage:
Wie wichtig ist echtes Zuhören – also wirkliches Dasein ohne Bewertung – für die Beziehungsfähigkeit? Was verändert sich, wenn Menschen sich wirklich zeigen und gehört werden?
In meiner Praxis schaffe ich neben der therapeutischen Arbeit einen Raum des Zuhörens. Ich höre den Menschen die zu mir kommen zu und die Menschen hören sich gegenseitig zu.
Ihr schafft hier mit MOMO ebenso einen Raum des Zuhörens. Das verändert Beziehungen in der Regel enorm. Dasein, Zuhören, keine Bewertung ist so ein großes Geschenk, welches wir uns machen können. Das zu üben, ist ein riesiger Faktor für Beziehungsfähigkeit.
Frage:
Wenn jemand merkt: „Ich wünsche mir Nähe, aber irgendetwas hält mich zurück“ –welche ersten Schritte helfen, beziehungsfähiger zu werden?
Allein wenn ich anfange, insgesamt bewusster zu werden, mehr zuhöre und dem Impuls gleich zu antworten widerstehe. Zeit ist da ein wertvoller Faktor. Wenn ich das Gesagte erstmal stehen und wirken lasse. Vielleicht auch versuche nachzuspüren.
Fragen, Interesse zeigen. Üben, einfach immer wieder üben
Das ist ein guter Anfang
Frage:
Wenn du Menschen nur einen einzigen Satz mitgeben könntest, um die eigene Beziehungsfähigkeit zu stärken – wie würde dieser Satz lauten?
Fang mit der Beziehung zu Dir selbst an. Sei liebevoll, wertschätzend, achtungs- und respektvoll zu Dir selbst.
Übung:
täglich 1-2x 3 Minuten,
· im Sitzen (wichtig beide Füße auf dem Boden) oder im Stehen möglich,
· anfangs in der Stille, wenn eine Weile geübt auch mal in der U-Bahn oder im Café versuchen.
· Spür nach innen. Atme ganz bewusst, d.h. spür wie du einatmest und wieder ausatmest. 3-4x
· Wie geht es Dir im Moment. Wie geht es Dir, nicht was denkst Du, sondern was fühlst du…. Traurig, freudig, ängstlich, wütend, müde, enttäuscht, überfordert, erleichtert…
· Wenn es Dir schwer fällt zu spüren, dann geh über deinen Körper. Wie fühlt sich dein Körper gerade an, wo bin ich verspannt, wo fühlt es sich gut und entspannt an. Wie fühlt sich mein Kopf, mein Hals, meine Brust, mein Bauch meine Beine meine Füße und Hände gerade an. Kalt, warm, ….usw.
Diese kleine Übung, wirklich täglich wiederholt, wird deine Beziehung zu Dir selbst verändern und damit auch deine Beziehung zu anderen.
Möchtet Du/Ihr noch mehr für Eure Beziehung tun, dann schaut doch mal hier:
PAARSEMINAR: NEUSTART FÜR DIE LIEBE
Herzliche Grüße
Christine Brenner
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